Zusammen mit ihren publizierten und archivalisch überlieferten ethnographischen Aufzeichnungen stellen die Fotografien von Antonie Brandeis einen wichtigen Quellenbestand zu ihrer Sammlung dar. Sie halten Alltagssituationen fest, dokumentieren handwerkliche Praktiken und zeigen in vielen Fällen Personen, zu denen Brandeis auch die Namen aufgeschrieben hat.
Zu Antonie Brandeis Freiburger Sammlung gehören 20 fotografische Positive, die sie in zwei Sendungen an das damalige Museum für Natur- und Völkerkunde schickte. Die ersten beiden lagen einem Brief von Eugen Brandeis an Oberbürgermeister Winterer vom 6. April 1899 bei, in dem ersterer seine Bereitschaft bekundete, der Bitte der Stadt um Stiftung einer Sammlung von den Marshallinseln zu entsprechen. Eines der Fotos zeigt ein typisches marshallisches Auslegerboot, das andere eine Innenansicht des Brandeis’schen Wohnzimmers mit dem Bootsmodell (II/0657), welches das Ehepaar im September 1898 vom samoanischen Chief Mata’afa Iosefo als Geschenk erhalten hatte. Beide Abzüge befinden sich heute im Bestand des Freiburger Stadtarchivs (SAF C3/241/1).
Die restlichen 18 Positive lagen der ersten Sendung ethnographischer Objekte von den Marshallinseln und Nauru bei, die am 24. April 1900 in Freiburg eintraf. Die Fotografien dokumentieren Alltagspraktiken wie das Segelflechten aus Pandanusblättern (XHF II/0148) oder die Arbeit an einer Fischreuse (XHF II/0145), zeigen Wohnhäuser und Boote auf Jaluit und portraitieren zahlreiche Personen, von denen Antonie Brandeis zum Teil die Namen notiert hat.
Folgende Personen sind abgebildet und benannt: Chief Leran und Frau (XHF II/0138); „Louisa“, Ehefrau von Chief Ujelang, Arno-Atoll (XHF II/0139/0140).
Zusätzlich sind die Wohnhäuser von Chief Litokwa (XHF II/0133) und Chief Kabua (XHF II/0135) auf Jaluit dokumentiert.
Die Abzüge sind rückseitig nummeriert und beschriftet, zusätzlich werden sie im ausführlichen schriftlichen Kommentar zu ihrer Sammlung kommentiert und als Referenz für die mitgeschickten Objekte herangezogen.
Die Freiburger Fotosammlung von Antonie Brandeis enthält nur Fotografien von den Marshallinseln. Die meisten der Fotos sind allem Anschein nach auf Jaluit entstanden, auch wenn zwei der Abzüge Hinweise auf andere Atolle wie Arno (XHF II/0144; XHF II/0139) oder Maloelap (XHF II/0143) enthalten. Chief Ujelang lebte zudem auf Arno. Ob sie die Fotos dort aufgenommen hat, zum Beispiel während sie ihren Ehemann auf dessen Rundreisen durch das Inselgebiet begleitete, oder ob die abgebildeten Personen auf Jaluit fotografiert wurden, ist unbekannt. Zu Ausflügen oder Reisen auf andere Atolle hat Antonie Brandeis keine Aufzeichnungen hinterlassen.
Über ihre eigene fotografische Arbeit hat Antonie Brandeis nur wenige Aufzeichnungen hinterlassen. Abgesehen von ihrem Hinweis auf den Einfluss von Bruder Callixtus Bader vor Ort in Jaluit ist unklar, wann sie mit dem Fotografieren begann.
Antonie Brandeis fotografierte mit einer Plattenkamera, wie sie um 1900 bereits für ein Massenpublikum erschwinglich war. Das Fotografieren war trotzdem aufwendig: Glasplatten mussten bestellt und per Schiffsfracht geliefert werden, was Monate dauerte. Entsprechend begrenzt war die Möglichkeit, Fotos zu machen oder Motive auszuwählen. Die Platten mussten in speziellen Behältnissen dunkel gelagert werden und waren zerbrechlich. Die klimatischen Bedingungen brachten zusätzliche Herausforderungen. So schreibt Antonie Brandeis in ihrem Artikel „Südsee-Erinnerungen“ von 1908, dass sie die Bilder vor allem nachts entwickelte, da dann das Wasser kühler war. Trotzdem seien viele Abzüge nichts geworden (Brandeis 1908a: 37).
Zum Fotografieren nutzte sie das verbreitete Glasplattenformat 9×12 cm, auch wenn die Abzüge in der Freiburger Sammlung alle das Format 8×11 cm haben. Dies deutet darauf hin, dass sie den für Glasplatten-Positive typischen Rand abgeschnitten hat. Hierbei hat sie offenbar große Sorgfalt verwendet, denn bei den meisten Abzügen ist der Rand sehr gleichmäßig beschnitten. Dies könnte darauf hinweisen, dass sie ein spezielles Schneidewerkzeug verwendet hat.
Bei ihrer Rückkehr aus dem Heimaturlaub in Deutschland brachte sie wohl eine neue, größere Kamera mit nach Jaluit (Brandeis n.d.: 171), mit denen sie dann vermutlich auch die Nauru-Fotografien gemacht hat. Viele ihrer Fotos wurden zeitgenössisch publiziert, als Bebilderung ihrer eigenen Artikel, in Berichten der Herz Jesu-Mission in den Hiltruper Monatsheften oder als Bildmaterial in den Ethnographien von Paul Hambruch (1914) und Augustin Krämer & Hans Nevermann (1938). Teilweise gab es wohl auch Verwendungen ohne ihre Zustimmung und ihre Bilder wurden Teil eines kursierenden und vielfach reproduzierten Bestandes fotografischer Dokumente aus der deutschen Kolonialzeit, die die Wahrnehmung der kolonialen Marshallinseln bis heute prägen.
Ein Beispiel hierfür ist die Buchpublikation von Hermann Mückler „Die Marshall-Inseln und Nauru in deutscher Kolonialzeit. Südsee-Insulaner, Händler und Kolonialbeamte in alten Fotografien“ (2016). In dieser hat Herr Mückler mehrere kolonialzeitliche Fotosammlungen veröffentlicht, darunter jene des ersten Kaiserlichen Kommissars der Marshallinseln, Wilhelm Knappe, sowie eine weitere anonyme Sammlung, die Mückler antiquarisch erwarb (Mückler 2016:155–161). Diese enthält, wie der Verfasser identifizieren konnte, zahlreiche Fotografien von Antonie Brandeis.
Aus den Texten und Aufzeichnungen von Antonie Brandeis wird ihr Stolz ersichtlich, dass ihre Bilder aus Mikronesien eine solch weite Rezeption erfahren haben, von Zeitschriften publiziert und in Museumssammlungen übernommen wurden. Sie sollten neben ihrer Sammlung und ihren Publikationen daher als eigenständiger Bestandteil ihres Gesamtwerkes betrachtet werden. Angesichts der Tatsache, dass fotografierende Frauen zu dieser Zeit und in diesem Kontext noch eine große Ausnahme waren, erhält ihr Werk dadurch auch eine historische Bedeutung. Ihre Fotografien sind Teil eines multimedialen dokumentarischen Erbes, das eine bedeutende Ressource zum Verständnis ihrer ethnographischen Sammlung darstellt. Dabei sind sie nicht nur eine unerlässliche Hilfe bei der Provenienzforschung, sondern bieten auch großes Potential als Anknüpfungspunkte für Menschen auf den Marshallinseln und Nauru, zum eigenen Kulturerbe und seiner Verbindungen mit Deutschland in Beziehung zu treten – und vielleicht sogar die eigenen Vorfahr_innen auf den Bildern identifizieren zu können.
Das Album entstand im Rahmen des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Provenienzforschungsprojekt zur Sammlung Eugen und Antonie Brandeis.
Autor: Godwin Kornes