Blick in einen Ankleideraum in einem Restaurant in dem sich drei japanische Kurtisanen gerade auf den Abend vorbereiten

Lyrische Landschaften, anmutige Geishas und dramatische Theaterszenen: Eine heitere, vergängliche Welt entfaltet sich auf den kostbaren und raren japanischen Holzschnitten, die vor rund hundert Jahren in die Sammlung der Städtischen Museen Freiburg gelangten. Dass diese seltenen Stücke den Weg nach Freiburg fanden, ist dem Ethnologen und damaligen Direktor der Städtischen Kunstsammlungen Ernst Grosse (1862-1927) zu verdanken. Grosse war leidenschaftlicher Kenner Ostasiens und sammelte Kunstwerke aus China, Japan und Korea sowohl für die Stadt, als auch privat. Darin unterstützte ihn seine Mäzenin Marie Meyer, für die er zahlreiche Objekte auswählte und erwarb – wie auch die hier gezeigten Stücke. 1903 hatte Meyer die Holzschnitte den Städtischen Kunstsammlungen in einer großzügigen Geste übergeben. Heute gehören sie zum Bestand der Ethnologischen Sammlung des Museum Natur und Mensch. Die facettenreichen Werke zeigen faszinierende Einblicke in die Welt Japans des 17. bis 19. Jahrhunderts. Von Ostasien-Spezialist Hans Bjarne Thomsen aus Zürich wurden sie neu bewertet und interpretiert.

ZWISCHEN MEER UND BERGEN

Atmosphärische Landschaftsansichten gehören wohl zu dem populärsten und meistgesammelten Genre japanischer Holzschnitte außerhalb Japans. Ihre bekanntesten Vertreter wie Utagawa Hiroshige und Katsushika Hokusai waren die frühen Stars in den europäischen Sammlungen.

In Japan entwickelte sich dieses Format des Holzschnitts erst verhältnismäßig spät und war in seiner Bedeutung lange von der Beliebtheit der Schauspielerdrucke und "schöne Frauen"-Schnitte überschattet. Dies änderte sich mit der Veröffentlichung der heute weltbekannten Serien 36 Ansichten des Berges Fuji von Hokusai und 100 Ansichten berühmter Orte Edos von Hiroshige. Zeitgleich nahmen Pilgerfahrten und Reisen innerhalb Japans zu. Im Zuge dessen gewann das Genre rasch an Bedeutung, da Reisende die Landschaftsdrucke als Andenken mit nach Hause brachten. Die Künstler selbst hatten meist keine Gelegenheit an die Orte zu reisen, weshalb sie ihre Fantasie einsetzen mussten, oder von anderen Drucken Motive übernahmen.

 

DER CHARME DER "SCHÖNEN FRAUEN"

Delikat geschminkt und gehüllt in luxuriöse Kimonos – als Motive auf Holzschnitten begegneten japanische Frauen erstmals den Blicken europäischer Sammler. Die Drucke der "schönen Frauen", die nach Europa gelangten, prägten hier mehr als alles andere die Wahrnehmung der japanischen Frau als exotisches und erotisches Wesen. Einschlägige Darstellungen in den Arbeiten von hiesigen Künstlern und Komponisten verstärkten diesen Eindruck noch.

Dabei zeigen die japanischen Holzdrucke durchaus die komplexen Unterschiede der Rollen, die Frauen in der Gesellschaft des frühmodernen Japans einnahmen: Und sie zeugen davon, wie sehr sich die Leben der Frauen nach ihrem sozialen Status unterschieden. Zu sehen sind sie als Bewohnerinnen der Vergnügungsviertel, Liebhaberinnen, Mütter, Hausangestellte oder sagenhafte Heldinnen. Nicht alle führten das eingeschränkte Leben der Kurtisanen, welche die Vergnügungsviertel nicht verlassen durften. Zahlreiche Frauen nahmen an Dichtergruppen oder als Unterstützerinnen des Kabuki Theaters am kulturellen und kommerziellen Leben der Städte teil.

ERLESENE BOTSCHAFTEN

Als surinomo bezeichnet man privat in Auftrag gegebene Drucke, die mit Gedichten und Bildern verziert wurden. Anlass für solche  Erinnerungsdrucke waren bedeutsame Ereignisse, wie eine Namensänderung oder eine Heirat. Der weitaus häufigste Anlass waren Neujahrsgrüße, die auf diese Weise einem ausgewählten Kreis übermittelt wurden. Das Zusammenspiel von Poesie und Bildsymbolik transportierte dabei auf subtile und unterhaltsame Weise die Botschaft des Auftraggebers.

Neben Kabuki- Schauspielern und ihren Förderern waren es oft Mitglieder von Dichtergruppen, die surinomo bei Künstlern und Verlegern in Auftrag gaben. Da der Verkaufspreis keine Rolle spielte, wurden surinomo mit höherwertigen Materialien und aufwendigeren Techniken als andere Holzschnitte produziert. So unterscheiden sich diese Druckprodukte durch den Gebrauch von Prägedruckverfahren, kostspieligen Metallpigmenten und außergewöhnlichem Papier.

VOR UND HINTER DER BÜHNE

Eine theatralische Pose, kontrastreiches Makeup – dramatisch wie die Tradition des Kabuki Theaters kommen auch die Schauspielerdrucke yakusha-e daher. Wie das Theater selbst, erfreute sich dieses Genre des Holzschnitts in Japan außerordentlicher Beliebtheit.
 

Dabei spiegeln die zahlreichen Holzschnitte all die vielfältigen Themen und Geschichten des Kabuki Theaters wieder:  Kriegserzählungen, Liebesgeschichten, Sagen oder blutrünstige Rachelegenden wurden auf dem Holz verewigt. Doch die Holzschnittkünstler verschafften der Anhängerschaft des Kabuki nicht nur Eindrücke vom Geschehen auf der Bühne, sondern ihre Kompositionen luden die Betrachter ein, das Leben der Darsteller auch hinter den Kulissen und im Privaten zu verfolgen. Die meist gefeierten Stars ihrer Zeit wurden auf hunderten von Drucken verewigt.
Die Bedeutung der Schauspielerdrucke ist nie völlig verebbt. Seit dem 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart schaffen die  Holzschnittkünstler fantasievolle Andenken an die Größen des Kabuki.

TOTE, GEISTER UND ÜBERNATÜRLICHES

Der tiefe Glaube, dass Menschen sich die Welt mit Gespenstern, Geistern und Dämonen teilen, war fester Bestandteil des Alltags im frühen modernen Japan. Wesen aus dieser Sphäre und der Kontakt zu ihnen fanden daher häufig als Motiv Eingang in Literatur, Theater und andere Kunstformen.

Holzschnitte eigneten sich gut diese fantastischen Wesen detailliert und abwechslungsreich darzustellen, weshalb vielfältigste Geistwesen auf Drucken abgebildet wurden. Die dargestellten Kreaturen wiederum wurden zu den Protagonisten der Gruselgeschichten, die man sich im Sommer allabendlich erzählte.

Ein besonders verbreitetes Thema solcher Darstellungen war die Heimsuchung von Geistern, die Rache an den Peinigern aus hrem letzten Leben nehmen. In den Erzählungen, aus denen sich die Motive der Drucke speisten, bewegten sich aber nicht nur Geister und Dämonen zwischen den Welten. Auch einigen Tieren, wie Fuchs und Marderhund, wurden magische Fähigkeiten zugesprochen. Eine (blaue) Flamme ist dabei stets Symbol für die Anwesenheit einer übernatürlichen Kreatur.

EINE KUNST FÜR ALLE

Das frühmoderne Japan des 17. bis 19. Jahrhunderts war eine Welt des Holzschnitts. Alles – vom Bonbonpapier, über Reklame bis hin zu Briefpaper – wurde mittels Holzschnitt bedruckt. Mehr als 1000 Verleger gaben Jahr um Jahr vielfältigste Drucke in unterschiedlichsten Formaten heraus. Dabei bestand kein technischer Unterschied zwischen der Herstellung eines Farbholzschnitts von heute hochgeschätzten Künstlern wie Hokusai oder einer Werbeannonce.

 

Ursprünglich kam die Technik aus China nach Japan. Kopien buddhistischer Texte und Bilder stellten im 8. Jahrhundert die ersten Druckerzeugnisse Japans dar. Ab dem späten 16. Jahrhundert wurde das Druckverfahren auch zur Produktion von nichtreligiösen Texten genutzt. Auch zur Verbreitung von beispielsweise Romanen, Reiseführern oder Karten gewann die Holzschnitttechnik landesweit schnell an Bedeutung, unter anderem da man sie deutlich schneller herstellen konnte als händische Kopien von Büchern. Es war eine Kunst für Jedermann, denn während handgemalte Gemälde für die allgemeine Bevölkerung unerschwinglich waren, kostete ein Holzschnitt nur etwa so viel wie eine Mahlzeit.