Das Huichol-Wachsbild zeigt die Erdgöttin Nakawé

Die Sonderausstellung "In menschlicher Gestalt. Verborgene Schätze der Ethnologischen Sammlung" (25.05.2012 – 27.01.2013) wurde von der Ethnologin und ehemaligen Direktorin des Museums für Völkerkunde 1985 - 2012, Dr. Eva Gerhards, kuratiert. Die Ausstellung war nicht nur von einer sehr persönlichen Objektauswahl sondern auch durch ihre Verabschiedung in den Ruhestand geprägt.

Dr. Eva Gerhards wurde im Jahr 1985 die Direktorin des damaligen Völkerkundemuseums. Mit dem Zusammenschluss der Sachgebiete Naturkunde und Ethnologie übernahm sie 1996 die Gesamtleitung des Adelhausermuseums, Natur- und Völkerkunde.

Dieses Album blickt zurück in die Ausstellung aus dem Jahr 2012 und präsentiert Objekte und Originaltexte aus der Sonderschau in Erinnerungen an das Engagement Eva Gerhards für das Museum und die Ethnologische Sammlung. Ein großer Dank gilt allen Autor_innen, die sich mit ihrem Wissen und ihren Forschungen maßgeblich an der Schau beteiligt hatten. Mit ihrer Unterstützung wurde jedes Exponat in der Ausstellung mit detaillierten Steckbriefen versehen. Die Steckbriefe und Objekte können Sie nun erstmalig in der Online-Sammlung entdecken!

 

Zur Geschichte des Museums und der Ethnologischen Sammlung

Auf Anregung Freiburger Bürger wurde 1895 das Museum für Natur- und Völkerkunde gegründet. Seine Sammlungen hatten eine wechselvolle Geschichte, erlebten mehrfach Umzüge und provisorische Unterbringung, die organisatorische Trennung zwischen völkerkundlichen und naturkundlichen Sammlungen und ihre wieder Zusammenlegung. Hinzu kamen Schließungen: für den völkerkundlichen Bereich zwischen 1928 und 1961 sowie seit 2008; außerdem Umbenennungen: 1961 bis 1995 "Museum für Völkerkunde", 1996 bis 2009 "Adelhausermuseum. Natur- und Völkerkunde", ab 2009 "Ethnologische Sammlung" und seit 2014 "Museum Natur und Mensch".

Die Ausstellungsräume im Adelhauser Kloster mussten 2006 wegen baulicher Mängel sukzessive geschlossen werden. Derzeit hat die Ethnologische Sammlung kein eigenes Haus und keine Dauerpräsentation. Sie ist Teil des Naturmuseums im Verbund der Städtischen Museen Freiburg und veranstaltet Sonderausstellungen im Naturmuseum und in der Ausstellungshalle des Augustinermuseums.

 

Sammlung

Mit mehr als 20.000 Objekten zählt die Ethnologische Sammlung zu den mittelgroßen Völkerkundesammlungen Deutschlands. Sie umfasst Alltags- und Ritualgestände, Kunst und archäologische Funde aus Afrika (mit Alt-Ägypten), aus Asien, dem indianischen Amerika, Ozeanien und Australien. Ein großer Teil der alten Bestände aus Afrika und Ozeanien steht in kolonialen Zusammenhängen, ist Geschenk oder Vermächtnis von Kolonialbediensteten und ihren Erben. Zahlreiche Objekte stifteten Bürger_innen aus Freiburg und der Region. Ein bedeutender Teil, vor allem aus Asien und Lateinamerika, wurde von Angehörigen der Freiburger Universität auf Forschungsreisen gesammelt oder von Hugo Ficke und Ernst Grosse, den Verantwortlichen des Museums um 1900, auf Ankaufsreisen und über den Ethnographika-Handel erworben. Die Nordamerikabestände wurden in den 1960er/70er Jahren durch den damaligen Leiter Bodo Spranz erweitert.

In den vergangenen Jahrzehnten richtete sich die Ankaufsstrategie insbesondere auf Objekte, die in jüngerer Zeit entstanden und in denen sich Phänomene des Kulturwandels oder politische Themen widerspiegeln, wie afghanische "Kriegsteppiche" oder Asafo-Fahnen aus Ghana. Außerdem wird auf Entwicklungen außereuropäischer Kunst seit Mitte des 20. Jahrhunderts, wie Garnbilder der Huichol Mexikos oder Acrylgemälde australischer Aborigines, reagiert.

Präsentation

In der Konzeption völkerkundlicher Ausstellungen sollte – nach Phasen des Evolutionismus, des Kolonialismus und des Rassismus – in den 1960er Jahren das "Ding an sich", das Objekt und seine ästhetische Anmutung, den Besucher ansprechen. In den 70er und frühen 80er Jahren dominierten eher gesellschafts- und entwicklungspolitisch orientierte Texte die Gestaltung. Es folgte eine Periode kulturvergleichender Ausstellungen, die wieder sinnlicher umgesetzt wurden, aber immer noch textlastig waren. Hinzu kamen monografische Konzeptionen, die einzelne Kulturen mit oft großem inszenatorischem Aufwand in ihren vermeintlich authentischen Zusammenhang stellten. In jüngerer Zeit wurden außereuropäische "Meisterwerke" immer mehr als Kunst ohne Kontextualisierung präsentiert.

Kunst oder Kontext? – hierauf spitzte sich der kontrovers geführte kunstethnologische Diskurs im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert zu. Verschiedene Ausstellungen der vergangenen Jahre führen beides zusammen: Sie inszenieren Objekte als Kunst und erläutern mit Zusatzinformationen den kulturellen Hintergrund. So auch diese Ausstellung: Die Kontextualisierung der Bildwerke geschieht hier durch das Medium der "Steckbriefe".

Die Exponate in der Sonderausstellung

Die Exponate der Sonderschau wurden in schlichten Vitrinen im 2. Obergeschoss des heutigen Museums Natur und Mensch ausgestellt. Foto: Museum Natur und Mensch, 2012.

 

 

Repräsentation

Menschen, vor allem Herrscher, hochrangige Personen, Helden, und in menschlicher Gestalt gedachte Wesen wie Gottheiten, Geister, Ahnen werden in der Kunst vieler Völker bildlich dargestellt. Mal sind sie extrem reduziert auf eine Fußspur, einen Handabdruck, mal abstrahiert in geometrischen Formen. Meist begegnen wir Idealbildern, sehr selten wirklichen Porträts.

Viele Sprachen haben keinen Begriff für Kunst und Werke aus traditionellen Kulturen gelten meist als anonym. Die kunstethnologische Forschung arbeitet jedoch immer mehr heraus, dass das, was wir als traditionelle außereuropäische Kunst betrachten, von Spezialist_innen geschaffen wurde. Und dass ein "Sinn für Ästhetik", für das Besondere bestimmter Objekte, das über den alltäglichen Nutzen hinausgeht, nicht nur in europäisch oder ostasiatisch geprägten Gesellschaften vorhanden ist. Die menschliche Wahrnehmung, gleich in welcher Kultur, bevorzugt bestimmte Prinzipien wie Symmetrie, Ausgewogenheit, Klarheit, Brillanz und Kontraste.

Das Besondere eines Objekts für die Herkunftskultur lässt sich nach seiner Musealisierung nicht mehr reproduzieren. Es manifestierte sich im Gebrauch, der nicht nur den Sehsinn ansprach: im Räucheropfer vor der Ahnenstatue, im rituellen Gesang vor dem Götterbild, im bewegten Tanz der Maske.

 

Karte zur Herkunft der Exponate

Woher die Exponate der Sonderschau stammen, ist mithilfe der roten Markierungen in der Karte eingezeichnet

 

Indianisches Amerika

Die traditionelle indianische Kunst Nordamerikas und des südamerikanischen Tieflands ist weniger durch menschengestaltige Darstellungen geprägt. Ein für unser westliches ästhetisches Empfinden herausragender Stil hat sich an der Nordwestküste Amerikas entwickelt. Masken, Wappenpfähle, Architekturelemente, Geräte zeichnet eine außergewöhnliche Gestaltungskraft aus, wobei die Skulptur relativ realistisch ist, während die Malerei die Figuren auf kurvilineare Elemente reduziert. Anhand dieser Kunst hat Franz Boas schon 1908 die Individualität indigener Künstler aufgezeigt.

Menschengesichtige Masken sind im indianischen Amerika weit verbreitet: Bei den Geheimbundriten der Irokesen treten z.B. Holz- oder Strohlarven auf, Maskenkostüme aus Rindenbast bei den Initiationsriten der Tukuna Nordwest-Amazoniens. Nach der Ursprungsmythe der Camayurá der Xingú-Region schnitzte der Schöpfer die ersten Menschen aus Holz. Häufig finden sich Puppen zum Spielen und Unterrichten, selten Gedenk- oder Ahnenfiguren. Anthropomorphe Holzskulpturen sind in Südamerika auch mit dem Medizinmannwesen verbunden. Bilderschriftlichen Charakter haben die Darstellungen von Kriegstaten indigener Gruppen der Plains- und Prärie auf Leder oder rituelle Ritzungen auf Birkenrinde und Holz aus dem Östlichen Waldland.

Die Tlingit-Porträtmaske

Die pazifische Nordwestküste Nordamerikas mit ihrem milden regenreichen Klima lieferte der von Fischen, Jagen und Sammeln lebenden Bevölkerung Nahrung in Fülle. Der Holzreichtum ließ eine hochentwickelte Schnitzkunst entstehen mit großen, reich verzierten Gemeinschaftshäusern, Wappenpfählen, Masken und Behältnissen aus Zedern und anderen Hölzern. Bemalt wurden sie mit kunstvollen Mustern, meist mehr oder minder abstrahierten mythischen Tieren.

Die fein gearbeitete Maske zeigt ein stilisiertes Frauenporträt, möglicherweise eine Frau aus der mythischen Urzeit, mit etwas in sich gekehrtem Ausdruck. Die großflächige Bemalung in Türkis, Rot und Schwarz mit den typischen Mustern der Nordwestküste teilt das Gesicht und bricht die glatte Ebenmäßigkeit seiner Züge auf. In die Augen fällt die Scheibe in der Unterlippe: Adelige Frauen der Tlingit und  benachbarter Völker trugen ab der Pubertät immer größer werdende hölzerne Lippenpflöcke.

Die Maske stammt aus einer Zeit, als die Nordwestküste noch vom russischen Zarenreich beansprucht wurde – erst 1867 erwarben die Vereinigten Staaten die Region. Sie wurde nie getragen, worauf das Fehlen von Augenlöchern hinweist, sondern für den Verkauf an Europäer geschaffen. Darstellungen von "exotischen“"und etwas unheimlichen Bräuchen wie Lippenscheiben waren beliebte Souvenirs. Wie die Maske in die Sammlung Umlauff gelangte, ist nicht bekannt. Die Firma schickte Beauftragte in die verschiedensten Regionen der Welt, um Sammlungen zusammenzustellen, kaufte von Reisenden, Auktionen und Privatsammlern und stellte auch "Völkerschauen“"zusammen, deren Ausstattung nach der Tour veräußert wurde.

Eva Gerhards

Altamerikanische Kulturen

Die Erforschung der vorspanischen Hochkulturen Mesoamerikas (heutige Staaten: Mexiko, Guatemala, Belize, El Salvador, Honduras, Nicaragua und Costa Rica) sowie des südamerikanischen Andenraums und der Pazifikküste ist Aufgabe archäologischer Wissenschaften. Ihre Objekte finden sich jedoch meist in ethnologischen Museen als Museen der Kulturen der Welt.

Die menschliche Gestalt, sei es als Herrscher oder einfacher Mensch, Priester oder Gottheit, Fruchtbarkeitssymbol oder gefolterter Gefangener, war das Hauptthema der mesoamerikanischen Kunst. Die klassische Periode der Maya-Kultur bildet einen ihrer Höhepunkte: Zahlreiche Steinskulpturen und -reliefs, freistehend oder in architektonischem Zusammenhang, figürliche Werke aus Ton sowie Malerei auf Gefäßen oder Wänden, dazu wenige erhaltene Holzskulpturen zeugen von einer monumentalen Schöpferkraft.

In Südamerika finden sich Menschendarstellungen vor allem in den vollplastischen Keramikgefäßen der Moche-Kultur mit ihren realistischen, oft drastischen Darstellungen von kultischen wie alltäglichen, erotischen oder kriegerischen Handlungen aber auch mit Darstellungen körperlicher Defekte. Die farbenpächtigen Textilien der Nazca-Kultur dagegen zeigen eine Reduktion der menschlichen Gestalt auf geometrische Elemente.

Das Figurenrelief

Die klassische Maya-Kultur entwickelte sich im Tropenwald Guatemalas und Yucatáns seit dem 2. Jahrhundert und reichte bis um 900 n. Chr. Sie war in zahlreiche Herrschaftsgebiete zersplittert. Die kleine Oberschicht lebte in Luxus, die Masse der Bauern äußerst einfach.

Die im Relief zu sehende, reich geschmückte männliche Figur sitzt mit gekreuzten Beinen nach rechts geneigt, als unterhalte sie sich. Sie wirkt locker bewegt, dennoch hoheitsvoll. Die Hände sind auf die Schenkel gestützt, zwischen den Beinen ein Schurz mit Federapplikation. Mehrfach gereihter Perlenschmuck ziert Hals und Arme, an der Brust ein stabförmiges Pektoral. Das Gesicht zeigt die charakteristische Maya-Physiognomie: fliehende Stirn, lange Nase, mandelförmige Augen. Typisch für klassische Darstellungen ist der Wechsel zwischen Profil des Kopfes und Frontalität des Körpers. Der große Kopfschmuck wird gebildet durch eine Art Maske, von der lange Federn, vermutlich die eines Quetzals, nach hinten fallen. Das Inventarbuch des Museums spricht von der Darstellung eines Priesters. Die Attribute weisen jedoch auf einen Herrscher oder Adeligen von sehr hohem Rang hin und zeigen seine rituelle Verbindung zu übernatürlichen Mächten.

Sägespuren an den Seiten und der Oberkante deuten darauf hin, dass das Objekt wohl aus einem größeren Reliefkomplex (z.B. Stele oder Wandpaneel eines Tempels) herausgelöst wurde. Ikonographische Vergleiche lassen das Stück in die späte Klassik (600 -900 n. Chr.) einordnen. Nach Angaben des Verkäufers stammt es aus Yaxchilán. Verschiedene Experten bezweifeln dies, halten eine Herkunft aus El Cayo oder einem der kleineren Orte zwischen Yaxchilán und Piedras-Negras im Gebiet des Rio Usumacinta (Grenzfluss zwischen Mexiko und Guatemala) für wahrscheinlicher.

Eva Gerhards

Islamische Kulturen

Der Begriff "Islamische Kulturen" meint das weite Gebiet von Nordafrika bis Südostasien mit einer überwiegend islamisch geprägten Bevölkerung sowie den Zeitraum von den Anfängen des Islam im 6. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Die frühe islamische Kultur war überwiegend arabisch geprägt, doch integrierte sie hellenistische und byzantinische Traditionen. Die Bildervermeidung und die Bedeutung des Wortes verbinden den Islam mit dem Judentum. Mit der raschen Ausdehnung übernahm man vielfältige Traditionen der eroberten Völker: Perser, Türken, Mongolen, Inder und andere.

Nichtfigürlicher Dekor, Schrift und Ornament gelten als Hauptmerkmale der islamischen Kunst. Gott allein ist Schöpfer, ein Künstler darf diesen Akt nicht wiederholen. Im Koran findet sich aber kein ausdrückliches Bilderverbot. Es wurde erst zu Beginn des 8. Jahrhunderts in den Hadithen (auf den Propheten bezogene Überlieferungen) formuliert und ist hauptsächlich in der sakralen Kunst wirksam. Im weltlichen Bereich wurde es bereits früh relativiert: auf Münzen erscheint das Bild der Kalifen; Malerei und Bildhauerei blühten an den Fürstenhöfen. Die persische Miniatur ist besonders reich an idealisierenden Darstellungen von Menschen. Sie blicken dem Betrachter nie direkt in die Augen und trotz europäischer Einflüsse vermied man die dreidimensionale Illusion.

Die Bildfliese

Die Kadscharen (Qadjaren) waren eine turkmenischstämmige Dynastie in Persien zwischen 1779 und 1925. Sie betrieben eine gezielte Öffnung des Landes gen Westen. Typisch für ihre Kunst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts sind Friese und Mosaike aus Fliesen, mit denen die Wände von Innenräumen und -höfen ausgestaltet wurden. Sie sind, wie unser Stück, oft leicht reliefiert, der Dekor in Blau, Weiß, Grün, Türkis, Rosa und Braun ist in Unterglasurmalerei aufgebracht. Genreszenen, vor allem prächtige höfische Szenerien, Jagd- und Falknerdarstellungen, oder mythologische Themen entwickeln sich auf blauem Grund. Bäume und andere Pflanzen, ornamental aufgefasste Blüten, außerdem Architekturmotive wie Paläste, Moscheen und Kioske bilden den Hintergrund, am oberen Bildrand auch Berge. Bordüren mit Ranken- und Blütenmuster, dazwischen verschiedentlich Vögel, umranden die Fliesen ganz oder schließen sie nach oben ab.

Die Bildthemen wurden aus der vorkadscharischen Miniatur- und der Lackmalerei übernommen oder orientieren sich an literarischen Vorbildern vor allem aus der Sassanidenzeit. Zentren der Bildfliesenproduktion waren die kadscharische Hauptstadt Teheran, daneben Isfahan und Schiraz.

Unsere Fliese zeigt einen jungen Mann, vermutlich einen Prinzen, der durch eine üppig begrünte Landschaft reitet, im Hintergrund eine Moschee und Bergspitzen. Er streckt die linke Hand (mit einer Frucht ?) einem großen Vogel mit langen, wehenden Schwanzfedern entgegen, der über ihm schwebt und sich der angebotenen Nahrung entgegenbeugt. Es ist huma oder homa, in der alten persischen Mythologie der Vogel des Segens und der Freude, der seinen Schatten nur auf Menschen königlicher Herkunft wirft.

Eva Gerhards

Süd-, Südost und Ostasien

Asien ist durch eine große Vielfalt an Weltanschauungen und Kunstformen gekennzeichnet. Die verschiedenen Kulturregionen haben sich bereits in vorchristlicher Zeit herausgebildet und z. T. isoliert von Einflüssen anderer Erdteile entwickelt. Charakteristische Eigenschaften der asiatischen, vor allem der japanischen und chinesischen Kunst sind das Streben nach Harmonie mit der Umwelt, ein feines Gefühl für Schönheit und die sorgfältige Wiedergabe von Details.

Buddhismus und Hinduismus übten einen großen Einfluss auf die asiatische Kunst aus. Für diese religiös-philosophischen Systeme ist der Mensch in seinem innersten Kern mit Gott identisch. Diese Identität kann prinzipiell von jedem Menschen erfahren werden. Zahlreiche Visualisierungen sind dabei feste Bestandteile der religiösen Praxis. Buddhas, Bodhisattvas und Lehrer des Buddhismus sowie hinduistische Gottheiten werden durch verschiedene physische Merkmale und mehr oder weniger festgelegte Körperhaltungen und Gesten dargestellt. Jedes ikonographische Detail hat seinen bestimmten Sinngehalt, der je nach Schule variiert.

Daneben bestanden lokale Glaubensvorstellungen – Animismus, Totemismus und Ahnenkult – fort und beeinflussten die jeweils dominante nationale Kunst.

Männliche Ahnenfigur

Georg Boehm, Professor für Geologie und Paläontologie an der Freiburger Universität, übergab von 1903 bis 1905 über 300 Objekte dem Museum als Dauerleihgabe, die 1992 in eine Schenkung umgewandelt wurde. Boehm hatte 1900/01 eine große Forschungsreise über die USA in den Pazifik, nach Neuseeland, Australien, Ostasien, Indien und Ägypten unternommen. Schwerpunkt der geologischen Forschungen war Indonesien. Höhepunkt der ethnologischen Sammlung sind 45 Ahnenfiguren von den Molukken-Inseln Wetar, Romang, Leti, Moa und Damar.

Dort spielte der Ahnenkult eine bedeutende Rolle. Er bestimmte das religiöse Denken und das all tägliche Leben der Dorfgemeinschaft und sollte vor allem für Nachkommen und reiche Ernten sorgen. Man glaubte, die "Schatten" der Verstorbenen würden die Ahnenfiguren, die auf einem Brett im Haus aufbewahrt wurden, für einige Zeit "besetzen" und dann erst in das "Dorf der Verstorbenen" gehen. Als Mittler in der Kommunikation mit den Toten erhielten die Figuren Speiseopfer. Auf Kriegszügen wurden sie als Amulett getragen.

Die frontal konzipierten Figuren hocken auf kubischen, mit Kerbschnittornamenten verzierten Sockeln, die Beine angestellt oder verschränkt. Die Ahnen von christlichen Konvertiten sitzen auf Stühlen. Der gesellschaftliche Rang des Toten wurde durch hervorgehobene, oft übergroße Attribute wie Haartracht und Kopfschmuck gekennzeichnet. Geübte Schnitzer fertigten die meist ungefassten, kantigen Skulpturen im Tausch gegen Schweine, Ziegen oder Baumwolle. Die verschiedenen Inseln entwickelten eigene Stile. Das Figürchen aus Romang z. B. sticht durch die Feinheit der Ausarbeitung von Gesicht und Armen hervor und zeichnet sich durch betonten Kopf- und Ohrschmuck aus.

Eva Gerhards

Altägypten

Über 3500 Jahre, vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die spätantike Zeit, entfaltete sich im Alten Ägypten eine einzigartige Kunst. Die Darstellung der menschlichen Gestalt hatte hier einen ihrer Höhepunkte. Einige Künstler sind namentlich bekannt. Trotz der Fremdheit der Gottheiten, oft tiergestaltig oder mit Gestirnen verbunden, übt die ägyptische Kunst mit ihrem idealisierenden Menschenbild bis heute eine große Faszination aus.

Sie ist in erster Linie religiöse Kunst. Skulpturen mit "Porträts" hochrangiger Verstorbener, Mumienmasken, Wandgemälde mit Szenen aus dem Leben, Grabfiguren blieben verborgen in Grabkammern und Tempelanlagen. Daneben entstanden repräsentative, weithin sichtbare monumentale Herrscherbilder, gemeißelt aus gigantischen Steinblöcken. Skulpturen und Wandgemälde wirken realistisch, doch folgten sie strengen Regeln. Die Größe einer Figur richtete sich nach der Bedeutung, nicht nach natürlichen Relationen. Malerei und Relief bevorzugten die prägnante Ansicht: Kopf, Arme und Beine von der Seite, Augen und Rumpf von vorne.

Die Objekte der Ethnologischen Sammlung stammen zum großen Teil aus den Grabungen der Universitäten Freiburg und Heidelberg von 1913/14 im spätantiken Qarara und el Hibe. Zudem gibt es einen kleinen Bestand aus pharaonischer Zeit und von anderen Fundstätten.

Uschebti

Die Grabstätten der Wohlhabenden waren reich mit Dingen des Alltags und der religiösen Verehrung ausgestattet. Denn in der Vorstellung der Altägypter bedeutete das Leben nach dem Tod eine Fortsetzung des irdischen Daseins. Man musste auch dort für seinen Lebensunterhalt sorgen und konnte zu Fronarbeiten herangezogen werden. Die Reichen wussten sich dieser Pflicht zu entziehen: Ihnen wurden Modelle, die alltägliche Arbeiten wie Mehlmahlen, Bierbrauen oder Brotbacken zeigen, und "Dienerfigürchen" mit ins Grab gegeben. Diese uschebti genannten Figürchen waren eine Art Stellvertreter, die die schweren oder lästigen Arbeiten zu erledigen hatten. Uschebti bedeutet Antworter, denn diese Figürchen sollten an Stelle des Toten antworten und ihm die mühsamen öffentlichen Arbeiten abnehmen, zu denen er aufgerufen wurde.

Uschebtis sind aus verschiedenen Materialien gefertigt, überwiegend jedoch aus blauer bis grünblauer Fayence. Die Figürchen gleichen formal einer Mumie. Häufig tragen sie Geräte zur Feldarbeit wie Handpflug und Hacke sowie ein Säckchen mit dem Saatgut. Ihre Anzahl pro Grab ist variabel. Im Idealfall verfügt ein Verstorbener über eine Figur für jeden Tag des Jahres dazu über 36 "Aufseher" und einen "Oberaufseher".

Das ausgestellte Figürchen ist ein uschebti der Dame Amunmerit, die in Theben-West begraben war. Ihr Sarkophag befindet sich heute in Kairo, ihre uschebtis sind über die Museen der Welt verstreut.

Eva Gerhards

Westafrika und Zentralafrika

In Holz, Stein, Ton und Metall schufen Bildhauer West- und Zentralafrikas Meisterwerke der Weltkunst, die heute im Kunsthandel Spitzenpreise erzielen. Den Rang dieser „anonymen Stammeskunst“ erkannten europäische Künstler um 1900. Gegen das Vorurteil vom kollektiven "Stammesstil" wandte sich 1933 bereits Hans Himmelheber und betonte den Rang des afrikanischen Künstlers als Einzelpersönlichkeit. Doch erst im späten 20. Jahrhundert setzte sich diese veränderte westliche Wahrnehmung afrikanischer Kunst durch.

Frontalität, Symmetrie und Reduktion auf die jeweils wesentlichen Merkmale bestimmen die Figuren. Sie sind – mit einigen herausragenden Gegenbeispielen – meist statisch angelegt, kaum bewegt. Häufig werden individuelle Personen, vor allem Verstorbene, dargestellt, doch dominiert das Repräsentative, das Porträthafte fehlt.

Ein großer Teil der Figuren steht in Zusammenhang mit der Ahnenverehrung, andere, insbesondere Mutter-Kind-Darstellungen und Paare, mit Fruchtbarkeitsriten. Kinder üben ihre künftigen sozialen Rollen mit Spielpuppen. Zur Einweisung in das Erwachsenenleben während der Initiation dienen Unterrichtsfiguren. Repräsentative Bildwerke als Demonstration von Macht entstanden in Königreichen und zentralistischen Häuptlingstümern.

Figur ntadi

Mintadi, Wächterfiguren, galten den in den heutigen Republiken Kongo und in Angola lebenden Bakongo als Abbilder der Ahnen. Sie erinnerten an besonders ehrenhafte Vorfahren, schmückten und hüteten die Grabstätten. Die Bakongo glaubten, ihre Ahnen beschützten die soziale Ordnung, bestraften Missetaten und halfen bei Kriegen und Geburten.
Die Figuren sind aus relativ weichem Speckstein gearbeitet, der während der Trockenzeit aus Flussbetten gebrochen wurde. Die meisten Figuren haben die typische Schneidersitz-Haltung, manche knien. Eine Hand liegt auf der Hüfte, die andere stützt den Kopf, berührt den Mund oder liegt an der Schulter. Der "Wächter" sinnt über das Wohl seiner Ethnie oder seiner Familie nach. Oder seine Pose drückt Trauer und Einsamkeit aus, die mit dem Verlust eines Menschen einhergehen. Traditionelle Mintadi sind unbekleidet und nicht farbig gefasst. Hals- und Armschmuck, königliche Kappe und andere Elemente sowie die Position des Oberkörpers geben Auskunft über den gesellschaftlichen Status des Verstorbenen.
Die Mintadi-Kunst hatte im 16. Jahrhundert ihre Blütezeit. Im ausgehenden 19. Jahrhundert übernahmen die Bildhauer der Bakongo einige Elemente der europäischen Kunst. Der Zerfall der traditionellen sozialen Strukturen beendete die Mintadi-Tradition.
Das Schwarz der Kappe und der Augen des Ntadi der Freiburger Sammlung ist typisch für den Stil am Ende des 19. Jahrhunderts. Kappe, Halskette und Schultertuch weisen auf den hohen Status des Verstorbenen hin.

Svetlana Boltovska

Ostafrika

Ostafrika, die Wiege der Menschheit, galt lange Zeit als künstlerisch weniger bedeutsam. Doch bereits seit dem beginnenden 1. Jahrtausend n. Chr. ist ein reger Handel und Kulturaustausch zwischen Ostafrika und dem islamisch-arabischen Raum dokumentiert – so sind z.B. die holzgeschnitzten Architekturelemente der Suahili arabisch geprägt.

Bemerkenswert ist die klare Ästhetik von funktionalen Dingen wie Schalen, Kopfstützen oder Körben, deren Sachlichkeit gerade unseren heutigen Zeitgeschmack anspricht. Wahre Meisterwerke finden sich unter den Holzskulpturen der Makonde, Nyamwezi, Kwere, Zaramo, Bongo, Giryama u.a. Ein großer Teil der figürlichen Darstellungen steht mit Stationen des Lebens in Verbindung: Initiation, Fruchtbarkeit und vor allem Tod. Begräbnispfähle wurden direkt auf den Grabstätten errichtet, Ehrenmale und Gedenkfiguren für Verstorbene an anderen Orten wie Wegkreuzungen. Menschengestaltige Figuren dienten auch als Prestigeobjekte.

Seit dem 19. Jahrhundert wurden Schnitzwerke auch für europäische Reisende, Siedler, Kolonialbeamte und später internationale Touristen hergestellt. Eine Besonderheit sind die sog. Askarifiguren um 1900: afrikanische Soldaten in der Uniform der Kolonialmacht.

ikoku

Puppe ikoku

Die Turkana leben als halbnomadische Viehhalter mit etwas Feldbau in den Trockengebieten im Nordwesten Kenias. Heute, nach jahrelangen Dürrekatastrophen, sind die in ihrer Heimat verbliebenen Turkana zu einem großen Teil abhängig von Nahrungsmittelhilfe.
Diese typische Turkana-Puppe ist aus einem Stück Holz geschnitzt und schwarzbraun eingefärbt. Das Gesicht ist relativ fein herausgearbeitet, während Rumpf und Gliedmaßen rudimentär gestaltet sind. Die Puppe trägt den charakteristischen, seitlich offenen und reich mit Glasperlen verzierten Ziegenlederschurz sowie den Umhang der Turkana-Frauen. Kunstethnologische Beschreibungen ordnen solche Figuren dem afrikanischen Pfahlstil zu. Wegen ihrer Form werden sie auch als phallisches Symbol gedeutet. Postpubertäre Mädchen und junge, kinderlose Frauen benutzen die Puppen im Rollenspiel "Mutter und Kind". Dies soll Schwangerschaft und die Geburt eines gesunden Kindes fördern, denn verheiratete kinderlose Frauen gelten nicht als vollwertige Mitglieder der Gemeinschaft der Erwachsenen. Die Puppen schnitzt ein Vater für seine Tochter. Für Schmuck und Bekleidung sorgt die Mutter oder das Mädchen bzw. die junge Frau selbst.

Im Jahr 1996 kaufte das Museum diese und zwei weitere Turkana-Puppen sowie eine kleine Sammlung von tansanischen Quadratbildern von Lisanne Schneider-Schwarz, die Anfang der 1970er Jahre als Studentin der Politikwissenschaften im Rahmen eines entwicklungspolitischen Projekts in Ostafrika gearbeitet hatte. Sie hatte die Puppen 1972 auf einem Markt in Mombasa erworben.

 

Eva Gerhards

 

Ozeanien

In der Kunst Ozeaniens finden sich häufig anthropomorphe Darstellungen. Sie geben kein naturgetreues Abbild wieder, vielmehr stehen stilisierte Grundzüge für das Gesamtbild des Menschen. Von ihrer Ausdruckskraft, ihren expressiven Formen und Farben ließen sich Künstler wie Picasso und Matisse beeinflussen.

Die Darstellung von Menschen ist eng verbunden mit der Ahnenverehrung, die in der Religion der Südseevölker eine zentrale Rolle spielt. Die Seelen der Verstorbenen sind über den Tod hinaus mit den Lebenden verbunden. Sie gewähren ihnen Schutz, können aber auch Schaden zufügen. Um ein Gleichgewicht zwischen diesen Mächten und den Menschen zu erhalten, werden Verstorbene, Urahnen, Vorzeitheroen sowie Geistwesen bildlich wiedergegeben.

Masken, Skulpturen und andere figürliche Darstellungen erhalten ihre kraftgeladene Wirkung jedoch erst im Kult. Hier werden sie Teil einer zeremoniellen Inszenierung, in der die Ahnen sowie die Ereignisse des mythischen Urzeitgeschehens vergegenwärtigt werden. Ausgestellt in den Museen, verlieren die Objekte ihre eigentliche Funktion als kultisch verehrte Bilder mit übernatürlichen Kräften.

Maske Tapuanu

Dieser Maskentyp, geschnitzt aus dem Holz des Brotfruchtbaums, ist eine Besonderheit der kleinen Atolle der Mortlock-Inseln. Sie liegen im Archipel der Karolinen und gehören zu den Föderierten Staaten von Mikronesien. Nur hier existiert eine Maskentradition, während sie in anderen Teilen Mikronesiens und Polynesiens fast gänzlich fehlt.

Die langgezogene fast dreieckige Gesichtsform mit schmalem Mund und Augenschlitzen lässt die geschwungenen Brauen und vor allem die lange Nase, die zusammen ein T bilden, deutlich hervortreten. Mund, Bart und Augenbrauen sowie die Umrandung der Maske sind mit dunkler Rußfarbe bemalt. Im Kontrast dazu war das übrige Gesicht ursprünglich mit weißer Kalkfarbe bestrichen, die jedoch zum großen Teil abgeblättert ist. Die Gesichtsmaske repräsentiert den Ahnengeist Tapuanu. Sie war im Besitz des Männergeheimbundes soutapuanu und wurde in seinem Versammlungshaus aufbewahrt. Einmal im Jahr, von März bis April, fanden am Strand Zeremonien statt, bei denen Männer als Maskentänzer den Geist Tapuanu verkörperten. Seine Auftritte sollten die Gefahr tropischer Stürme bannen, die Mensch und Anbaufläche bedrohten, sowie positiven Einfluss nehmen auf das Gedeihen und die Ernte der Brotfrüchte, das einheimische Grundnahrungsmittel.

Diese Maske ist eine Schenkung Paul Webers, der mit seiner Familie in Freiburg lebte. Als Offizier der kaiserlichen Marine und Kommandat an Board der S.M.S. Cormoran war er zwei Jahre (1910-1911) in den deutschen Kolonien der Südsee unterweg. Im Auftrag des damaligen Freiburger Stadtrats und Museumsdirektors Hugo Ficke sammelte er Ethnographika für das Freiburger Völkerkundemuseum.

Heike Gerlach

Ahnenfigur

Mandelförmige Augen, eine breite dreieckige Nase sowie ein lachender Mund geben dieser geschnitzten Figur ihren freundlichen, lustigen und offenen Gesichtsausdruck. Die weiße Grundierung wurde traditionell durch das Verbrennen von Korallen gewonnen, die schwarze Farbe aus einer Ruß- und Palmölmischung erzeugt, das Rot aus Erde.

Die Skulptur, die allgemein als Ahnenfigur klassifiziert wird, stammt von den Tolai, die auf der Gazelle-Halbinsel im östlichen Teil Neubritanniens beheimatet sind. Der breite grinsende Mund ist typisch für den Kunststil der Tolai und findet sich auch auf Maske und insbesondere auf Tanzrequisiten wie Bambusflöten, Tanzbrettern oder -stäben wieder. Die Darstellungen lachender Gesichter verkörperten die tabaran, dem Menschen wohlgesinnte Ahnengeister

Vermutlich wurde dieser Figurentyp bei rituellen Tänzen des iniet-Geheimbundes verwendet. Der iniet-Bund, dem ausschließlich Männer angehörten, stand in engem Zusammenhang mit der Religion der Tolai, in der die Ahnen eine zentrale Rolle spielten. Die Seelen der Verstorbenen – so glaubte man – waren über den Tod hinaus mit den Lebenden verbunden und konnten diese positiv wie auch negativ beeinflussen. Die Mitglieder des Geheimbundes waren eingeweiht in die Geheimnisse der Geisterwelt und die magischen Rituale.

Welche genaue Bedeutung die Figur hatte, lässt sich nicht mehr erschließen. Bis heute ist wenig über die Zeremonien bekannt, da diese von den Tolai vor Fremden und Nicht-Eingeweihten geheim gehalten wurden. Außerdem wurden die Geheimbünde von den Missionaren aufs härteste bekämpft sowie von der deutschen Kolonialverwaltung (1885-1914) verboten. Der iniet-Bund wurde komplett ausgelöscht.

Heike Gerlach

Australien

Die Kunst der Aborigines Australiens umfasst einen ganzen Kontinent und eine Zeitspanne von mindestens 50.000 Jahren. Dementsprechend unterschiedlich sind die künstlerischen Ausdrucksformen sowohl des kulturellen Vermächtnisses, etwa der Felsmalereien, als auch der zeitgenössischen Kunst, hier vertreten durch ein Bild von Pansy Napangati. In den zentralen Wüstenregionen erscheinen Abbilder menschlicher Wesen höchst abstrahiert – unter Umständen nur als Spur in der Landschaft oder als U-Form: die sitzende Gestalt eines Menschen. In anderen Aborigine-Kulturen können die Darstellungen jedoch wesentlich expliziter sein.

Die Verwendung moderner Materialien seit den 1970er Jahren bedeutete nicht nur einen Wandel in der künstlerischen Technik. Zwar bestimmen die Geschehnisse der Schöpfungsgeschichte der Aborigines, der sog. "Traumzeit", im Wesentlichen die Inhalte der Kunst, sie ist jedoch ausdrücklich für ein Nicht-Aborigine Publikum gedacht und damit sowohl kulturelle als auch politische Stellungnahme.

Die Sammlung des Museums wurde 1989 mit dem Ankauf von Acrylgemälden der Papunya Tula Artists in Alice Springs initiiert. Es folgten weitere Bilder aus Lajamanu, Wirrimanu (Balgo), Nauiyu Nambiyu (Daly River) und Yirrganydji (Cairns).

Pansy Napangati
Acrylbild "Two Men"

Zwei alte Männer sitzen an der Quelle Ilpilli westlich von Papunya, einer trostlosen, von der australischen Regierung gegründeten Siedlung in der Wüste. Der konzentrische Kreis in der Mitte zeigt die Quelle, die wellenförmigen Linien das Wasser, das aus ihr fließt. Die Männer, erkenntlich an den U-förmigen Linien, spinnen Haar – die weißen Linien vor ihnen – für eine Zeremonie. Neben ihnen ihre Waffen: Schilde, Keulen, Speere und Bumerangs, die die Künstlerin Pansy Napangati deutlich wiedergibt – andere Elemente des Bildes sind dagegen für Unkundige nicht interpretierbar.

Die Kunst der australischen Aborigines ist beweglich geworden. Nicht mehr nur auf Fels, Sand oder Körpern finden sich die Kreise und Linien, die seit der Besiedlung des Kontinents – mindestens 40.000 Jahre – existieren, sondern auf transportable Leinwand mit Acryl gemalt. Initiiert wurde diese künstlerische Ausdrucksform, die eine der erfolgreichsten indigenen Kunstbewegungen zur Folge hatte, durch den Kunstlehrer Geofffrey Bardon, der 1971 Acrylfarben für seine Schüler nach Papunya brachte. Doch die Erwachsenen griffen zum Pinsel und malten ihre Sicht des Kontinents. Und zwar aus einer ungewöhnlichen Perspektive: von oben, als Karte der Landschaft, durchzogen von Wegen und bedeutenden Orten – den Linien und Kreisen – Spuren der Entstehung der Welt, die nach dem Glauben der Aborigines bis in unsere Gegenwart hinein wirkt – in Ermangelung einer treffenderen Übersetzung der verschiedenen Aboriginebegriffe "Traumzeit" genannt. Die so entstandenen Bilder manifestieren das Wissen um die Geschehnisse in der Traumzeit, das auch in anderen Formen präsentiert und belebt werden kann, so etwa in Liedern, Geschichten, oder auch Tänzen.

Margarete Brüll

Anhänger hei tiki

Die Sulka leben an der Südostküste Neubritanniens. Die Expressivität und Farbkraft ihrer Masken faszinierte schon Anfang des 20. Jahrhunderts westliche Künstler_innen und Sammler_innen. Auch die Sulka selbst legen großen Wert auf die ästhetische Wirkung ihrer im rituellen Zusammenhang verwendeten Gegenstanden.

Die Parierschilde werden aus dem relativ weichen Holz einer Alstonia-Art geschnitzt. In der Mitte steht ein Buckel hervor, hinter dem sich der Handgriff verbirgt. Der Rand ist mit Rotang umflochten. Überkreuzte Rotangbänder umspannen die Mitte, was nicht nur eine ästhetische, sondern auch eine praktische Funktion hat: das Holz reißt nicht so leicht. Vorder- und Rückseite sind mit pflanzlichen und mineralischen Farben bemalt. Bemerkenswert ist, dass die Sulka ein bläuliches Grün aus pflanzlichen Materialien verwendeten, während ansonsten in der melanesischen Kunst die Farben Blau und Grün erst mit der Einführung künstlicher Pigmente durch Europäer_innen Eingang fanden.

Längs- und Querachse teilen die Komposition in symmetrische Felder, dominiert von vier Augen in äußerst reduzierten Gesichtern. Sie lassen sich – je nach Fokus – als zwei menschenartige Gesichter oder als vier gegeneinander stehende Vogelköpfe im Profil lesen. Seitlich des Griffbuckels finden sich stilisierte Vogelmotive. Bei den Gesichtsmotiven soll es sich um die Darstellung von Geistwesen handeln, die den Schildträger im Kampf schützen. Die Vogelmotive in der Schildmitte verweisen auf den Vogel salmunu, dessen Ruf die Krieger vor dem Feind warnte. Die Schilde wurden im Kampf und in rituellen Scheinkämpfen getragen. Ihre Schönheit sollte den Erfolg im Kampf fördern.

Margarete Brüll

Ein großer Dank gilt Svetlana Boltovska, Margarete Brüll, Nina Fetscherin, Heike Gerlach, Eva Gerhards, Hildegard Mayer, Lars Petersen und Andreas Volz für das Verfassen der Steckbriefe zu den Objekten und die freundliche Genehmigung, diese im Rahmen der Online-Sammlung zu veröffentlichen.

Das Plakat zur Sonderausstellung "In menschlicher Gestalt"

Das Plakat zur Sonderausstellung "In menschlicher Gestalt. Verborgene Schätze der Ethnologischen Sammlung" ziert ein Huichol-Garnbild, welches die Erdgöttin Nakawé ziert.