Oberrheinisch

Vesperbild ("Pietà"), 1360/1370

Über das Objekt

Das Vesperbild entstand um 1300 in Deutschland. Es zeigt den Moment, da Maria ihren vom Kreuz abgenommenen Sohn auf dem Schoß hält und betrauert. Dies geschah abends ungefähr zur Zeit der „Vesper“. So ist eine der sieben Gebetsstunden benannt. Die Statue stammt aus dem Freiburger Dominikanerinnen-Kloster Adelhausen.
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Das Vesperbild kennt man auch unter dem italienischen Begriff Pietà, was Frömmigkeit oder Mitleid bedeutet. Seinen deutschen, schon dem Spätmittelalter geläufigen Namen bezieht es aus dem Stundengebet der Geistlichkeit und der Laien. Bei der Abendandacht, ad vesperas, gedachte man nämlich jenes Moments der Passion Christi, da Maria den vom Kreuz abgenommenen Leichnam ihres Sohnes in Empfang nahm, um ihn zu betrauern. Durch die Evangelisten noch gänzlich unbeachtet, hat der emotionale Vorgang erst im Hochmittelalter in die Passionsfolgen Eingang gefunden. Der spezifisch deutsche Beitrag war es dann, die Zweiergruppe aus dem szenischen Ablauf zu isolieren und zum plastischen ‚Andachtsbild‘ umzuformen. Dies geschah, wohl im Hinblick auf die Frömmigkeitspraxis der Frauenklöster, zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Motive der Leidensgeschichte und die repräsentative Form der thronenden Muttergottes mit dem Kinde finden in der Doppelgestalt des frühen Vesperbildes zusammen. Es ist ein Bild Marias, deren Schmerz und deren eigenes Opfer ihr nach dem Verständnis der Zeit die Rolle einer Miterlöserin im göttlichen Heilsplan zuweist. Und es ist eine Summe des den Menschen zuliebe erlittenen Leidens Christi, weil es die „heilbringenden Wunden“ in zeichenhafter Übersteigerung kenntlich macht und zur nachempfindenden Betrachtung darbietet. Die bemerkenswert gut erhaltene, aufwendige Fassung der aus Kloster Adelhausen stammenden Pietà vermag gerade diesen Anspruch hinreichend zu dokumentieren. Wie wenige Themen der christlichen Kunst hat das universell verständliche Vesperbild - die Trauer einer Mutter um ihren toten, erwachsenen Sohn - in unzähligen Variationen bis in die Gegenwart fortgewirkt. (Detlef Zinke)

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