Süddeutsch

Hl. Sebastian, 1610/20

Über das Objekt

Der durch Pfeilbeschuss gemarterte Heilige tritt seit der Spätgotik auch außerhalb Italiens immer als Aktfigur auf. Neben Christus wurde er so zum Abbild männlich-athletischer Schönheit. Sein Martyrium konnte aus Sicht des Betrachters dabei manchmal fast in den Hintergrund treten.
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Unter dem Eindruck antiker Statuen mit ihrer ganz selbstverständlich zur Schau gestellten Körperlichkeit und unter dem Eindruck der italienischen Renaissance, die mit der Antike und der Natur gleichermaßen in Konkurrenz trat, erfuhren die Darstellungen des schmalen, zerbrechlichen Jünglings Sebastian aus spätgotischer Zeit eine deutliche Wandlung. Er wird nun zu einem Athleten, nicht nur des Glaubens - athleta gloriosissimus, ruhmreichster Kämpfer, wird er genannt -, sondern auch noch in seiner idealschönen Gestalt, der keine Tortur etwas anhaben kann. Man denke sich den Baumstrunk als Marterpfahl fort, dazu die Pfeile (hier ohnehin verloren), und man könnte meinen, einem Heros des Altertums gegenüber zu stehen. Der triumphale Gestus leistet ein Übriges. Freilich hat die Bezugnahme auf Antike und die Kunst Italiens auch ihre deutlichen Grenzen. In der verschränkten, labil anmutenden Schrittstellung zumal, die den klassischen Kontrapost außer Kraft setzt, tritt das einheimisch- nordische Erbe unübersehbar hervor. Sebastian war vermutlich in einem Altar moderner römischer Bauart aufgestellt. Die Präsenz solch sinnlich affektiver Aktdarstellungen im Kirchenraum muss auch beim zeitgenössischen Adressaten zwiespältige Empfindungen ausgelöst haben. In der religiösen Botschaft allein, dem Versprechen, vor Pest und anderen Seuchen Schutz zu gewähren, erschöpfte sich ihre Ansprache jedenfalls nicht. Der gegenreformatorischen Propaganda erschienen nun auch Bilder geeignet, die in der katholischen Bilddiskussion wenige Jahrzehnte zuvor als vermeintlich lasziv noch scharfer Kritik ausgesetzt waren. (Detlef Zinke)

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