Wilhelm Lehmbruck

Emporsteigender Jüngling, 1913/1914

Über das Objekt

Imposant wirkt die überlebensgroße Figur des Emporsteigenden Jünglings mit ihren überlangen, dünnen, fast ausgezehrten Gliedmaßen. Und doch ist der Emporsteigende Jüngling - eine der vier Großplastiken Lehmbrucks - Ausdruck einer von Zweifeln geprägten Befragung des zeitgenössischen Menschenbildes: Trotz seiner starken physischen Präsenz ist er keine Heldenfigur, sondern ein Suchender, der zwar danach strebt, über sich hinauszuwachsen, jedoch im Nachdenken verharrt: den Blick in sich gekehrt, den Kopf geneigt.
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Als Wilhelm Lehmbruck (1881-1919) den Emporsteigenden Jüngling (1913/14) schuf, war er bereits ein anerkannter Künstler. In Paris hatte er erste Erfolge verzeichnet und 1913 waren seine Werke Teil der legendären Armory Show in New York gewesen. Trotzdem wurde der 'große Kerl', wie Lehmbruck den Emporsteigenden bezeichnete, von Künstlerkollegen wie Ernst Barlach als 'unplastisch' abgelehnt und daraufhin erst 1916 ausgestellt. Die langen dünnen, fast ausgezehrten Gliedmaßen des Jünglings, die so viel Ablehnung erfuhren, waren bereits in der Knienden (1911) und der Großen Sinnenden (1913) - von der zeitgenössischen Kritik ironisch als 'Gliederpuppe' bezeichnet - angelegt. Es sind die überlängten Proportionen, die Lehmbrucks allansichtige Plastiken der reinen Abbildhaftigkeit entheben. Vielmehr als die naturalistische Darstellung des menschlichen Körpers, strebte Lehmbruck danach, einen Ausdruck des menschlichen Geistes zu schaffen. Lehmbruck habe, so formulierte es der große Lehmbruck-Bewunderer Joseph Beuys, nicht nur physisches, sondern seelisches Material erfasst. Diese Suche nach dem Verschmelzen des greifbar Physischen mit dem Geistigen wird auch in Lehmbrucks Umgang mit dem Material spürbar: Er experimentierte mit verschiedenen Materialien, Variationen seiner Figuren entstehen in Gips, Bronze, Terrakotta und als Steinguss (Zement). Die matte oder reflektierende Oberflächenstruktur, die Farbigkeit, die jeweils auch die Raumwirkung beeinflussen: Der genutzte Werkstoff ist für Lehmbruck nicht nur funktionales Trägermaterial, sondern durch die eingehende Beschäftigung mit der je spezifischen Materialität selbst ausdrucktragender Teil seiner Plastiken. Diese tiefe Beschäftigung mit dem Material verweist auch auf die große Bedeutung, die Lehmbruck dem handwerklichen Können beimaß. Er sah seine Werke kaum jemals als fertig an, selbst bereits ausgestellte Werke wurden von ihm weiter bearbeitet. In den rund neun Jahren, in denen er vor seinem Freitod sein Hauptwerk schuf, entstanden nur ca. 30-40 Figuren, was auf seine langsame, bedachte und verdichtende Schaffensweise zurückzuführen ist. Nach seinem frühen Tod entschieden Lehmbrucks Erben, weitere Abgüsse seiner Figuren zu veranlassen - eine in der Bildhauerkunst gängige Praxis. Auch der Gipsguss des Emporsteigenden Jünglings, der nun Teil unserer Sammlung ist, wurde posthum gegossen. Lehmbrucks Figuren - insbesondere der Emporsteigende Jüngling - sind Ausdruck seiner von Zweifeln geprägten Befragung des zeitgenössischen Menschenbildes. Denn trotz seiner starken physischen Präsens und seiner imposanten Größe ist der Emporsteigende Jüngling keine Heldenfigur, sondern ein Suchender, der zwar danach strebt, über sich hinauszuwachsen und doch im Nachdenken verharrt: den Blick in sich gekehrt, den Kopf geneigt. Wenn seine Figuren auch in keinen narrativen Kontext gestellt sind und keine konkreten Bezüge zur gesellschaftlichen Realität aufzuweisen scheinen, so ist Lehmbrucks Schaffen doch genau in der reduzierten Fokussierung auf die Frage nach dem Wesen des Menschseins nicht nur kunsthistorisch sondern auch kulturphilosophisch ein wichtiger Zeuge jener Fragen, die das beginnende 20. Jahrhundert beschäftigten und die bis heute ihre Aktualität nicht verloren haben: Wie ist das Menschsein zu verstehen, wie kann man einer überzeitlichen und über alle Kulturen hinweg reichenden Gültigkeit und Bedeutung des Menschlichen Ausdruck geben - in einer Zeit, in der die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt auf vielfältige Weise die Debatten prägt? Text: Lisa Bauer-Zhao

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