Wolfgang Mattheuer

Paar im Regen, 1967

Über das Objekt

Gabriele Rauschning hat Wolfgang Mattheuers Lithographie "Paar im Regen" 2006 erworben. Es war eine von mehreren Graphiken des sächsischen Künstlers in ihrer Sammlung.
Die Sammlerin hat sich in den Nachwendejahren sehr für das Schaffen ostdeutscher Künstler_innen interessiert – vielleicht auch vor dem Hintergrund ihrer eigenen Biographie: Als Kind erlebte sie den Krieg in Berlin und kam dann mit ihrer Mutter erst nach 1945 aus Pommern nach Westdeutschland. Im Laufe der Jahre erwarb sie neben Mattheuer auch Blätter von Hans Grundig, Gerda Lepke, Arno Mohr, Horst Strempel und Werner Tübke. Ab 2010 begeisterte sie sich für die graphische Kunst Gerhard Altenbourgs, von dem sie bis zu ihrem Tod 2018 an die 40 Arbeiten erwarb.


Wolfgang Mattheuer ist Jahrgang 1927, in Reichenbach im Vogtland geboren, und gehörte neben Werner Tübke und Bernhard Heisig zu den Hauptvertretern der sogenannten Leipziger Schule. Die Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig war Keimzelle dieser Strömung, die in den 1970er und 80er Jahren die moderne Malerei in der DDR nachhaltig prägte und ein Gegengewicht zum bis dato vorherrschenden sozialistischen Realismus setzte. Wolfgang Mattheuer selbst studierte nach einer Lithographen-Lehre an der Hochschule und war dort ab 1965 auch Professor. 1974 legte er sein Lehramt freiwillig nieder und war von da an freiberuflicher Künstler. Gleichzeitig wurde er im selben Jahr Mitglied der Akademie der Künste der DDR und erhielt den Nationalpreis.


Sein Werk als Maler, Graphiker und Bildhauer war stilistisch von unterschiedlichen Einflüssen aus Romantik, Surrealismus und Neuer Sachlichkeit inspiriert. Die Inhalte seines Werks speisten sich aus allem, was er sah, las und erlebte. Sein Hauptthema war die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit – als Gesellschaftschronist im eigenen Land, aber auch mit dem Blick in die Welt, stets schwankend zwischen Hoffnung und Zweifel, Widerstand und Resignation. Das "Paar im Regen" ist somit "ein typischer Mattheuer": Die Lithographie spricht uns positiv an und zieht uns förmlich mit, gemeinsam mit dem unbekannten Paar, das voller Dynamik seinen Weg in eine weitgespannte Landschaft nimmt. Seit etwa 1960 arbeitete der Künstler in seinen Bildern mit solchen weiten, offenen Landschaften, die er als Handlungsraum für seine Figuren wählte. Die fast kahle Landschaft, der weite Himmel und als markante Bild-Diagonale ein Zaun, der unendlich fortzulaufen scheint. Mann und Frau treffen in diesem Leerraum zusammen, ihre Hände greifen nacheinander, doch Michelangelo-haft berühren sie sich gerade eben noch nicht. Das Paar ist im Aufbruch, aus dem regnerischen Dunkel ins Licht – oder mitunter noch viel weiter? Mattheuers Lithographie lässt sich nämlich durchaus als Metapher begreifen: Der Zaun wird zum Symbol der deutsch-deutschen Grenze und aus dem Aufbruch aus dem Regen wird ein Ausbruch in die Freiheit.


Wolfgang Mattheuer selbst trat übrigens am 7. Oktober 1988 (Nationalfeiertag der DDR) mit einem offenen Brief aus der SED aus, der er 30 Jahre angehört hatte. Umfangreiche Akten der Staatssicherheit belegen, dass der Künstler seit den 1960er Jahren bespitzelt und gegen Ende der DDR sogar als Staatsfeind eingestuft worden war. 1989 beteiligte sich Mattheuer aktiv an den Leipziger Montagsdemonstrationen.


(Text: Verena Faber)

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