Brücke mit Menschen im Hintergrund der schneebedeckte Mt. Fuji

Die Ethnologischen Sammlung des Museums Natur und Mensch bewahrt eine bemerkenswerte Sammlung japanischer Fotografien. Der Zürcher Ostasien-Spezialist Hans Bjarne Thomsen hat die Aufnahmen erforscht und eine Kabinettausstellung im Haus der Graphischen Sammlung des Augustinermuseums stellt sie in zwei aufeinander folgenden Hängungen (I: 28. Oktober 2023 bis 7. Januar 2024 / II: 13. Januar bis 28. April 2024) vor und ordnet sie kulturhistorisch ein. 

Die Fotografien wurden von deutschen Reisenden, die Japan im späten 19. Jahrhundert besuchten, zusammengetragen. Japan öffnete sich in dieser Zeit unter militärischem Druck der Vereinigten Staaten von Amerika für westliche Handelsfirmen und Reisende.

Für Japanreisende schufen diese Fotografien Erinnerungen: Die Fotografen entwarfen die Darstellung eines Landes und einer Kultur – ob sie nun realistisch war oder nicht. Die bewusst komponierten und sorgsam von Hand kolorierten Bilder zeigen berühmte Orte und Stadtszenen. Porträts zeigen Menschen in Japan, die ihrem Alltag nachgehen. Die Fotografien wurden in den Souvenirläden und Fotoateliers westlicher und japanischer Fotografen in großer Zahl an westliche Reisende verkauft. Sie sind bekannt für das hohe technische Niveau, den innovativen Gebrauch einer begrenzten Auswahl von Aquarellfarben und die eindringlichen, oft stimmungsvoll stillen Kompositionen. Diese Fotografien prägten sich den Reisenden ein und festigten, reproduzierten oder schufen gar das Bild eines fernen, fremden Landes.

Wand mit Einführungstext zur Ausstellung

Nikkō und der Tōshōgū-Schrein

Im späten 19. Jahrhundert war Nikkō bei Besuchenden aus dem Ausland eines der beliebtesten Reiseziele. In die nördlich von Tokio gelegene Stadt konnte man einen Tagesausflug unternehmen. Sie lag in einer Kurregion und bot luxuriöse Unterkunft in einer Reihe von Hotels. Der Tōshōgū – ein Schrein mit bunten, aufwändig gestalteten Gebäuden und kunstvoll geschnitzten Ornamenten – ist Tokugawa Ieyasu (1543–1616) gewidmet, dem Begründer der Edo-Zeit. Der Schrein wurde aufgrund seiner Beliebtheit zu einem Standardmotiv in japanischen Fotoalben. Die Ethnologische Sammlung verwahrt eine große Sammlung von Bildern dieser Stätte, die 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde.

Eingangstreppe und Tor zum Nikkōsan-Rinnōji-Tempel

Eingangstreppe und Tor zum Nikkōsan-Rinnōji-Tempel
Dieser Tempel befindet sich in der Stadt Nikkō. Er wurde vor 1.200 Jahren gegründet und ist damit mehr als ein halbes Jahrtausend älter als der berühmtere Tōshōgū-Schrein. Der Tempel beherbergt drei acht Meter hohe Goldstatuen: den tausendarmigen Buddha, den Amida-Buddha und den pferdeköpfigen Buddha. Die Haupthalle des Tempels ist das größte buddhistische Holzbauwerk Ostjapans. 

nach 1873, handkolorierter Silbergelatineabzug
11,8 x 29,2 cm, Suzuki-Studios
Inv. XHF/IV/0333

Stadtansichten

Besuchende aus dem Ausland interessierten sich für die Lebensrealität der Menschen in Japan. Viele Fotografien zeigen geschäftige Straßen, bäuerliche Gemeinschaften oder die zahlreichen Tempel und Schreine. Die frühen Fotografien zeigen vorwiegend Orte in Yokohama und Kamakura, die innerhalb der Zonen lagen, die Ausländer_innen offenstanden – entsprechende Verträge waren mit der japanischen Regierung ausgehandelt worden. Später wurden auch andere Städte fotografiert, wie zum Beispiel Tokio, das zu den weltweit größten Ballungsgebieten zählte. Die Bilder bezeugen nicht nur das Können der Fotografen, sondern auch das der Kolorist_innen. Diese versahen die Schwarz-Weiß-Fotografien mit Farbe, ergänzten sie um Details und Schattierungen sowie um jahres- und tageszeitliche und atmosphärische Akzente, zum Beispiel durch Hinzufügen des allgegenwärtigen Herbstlaubs.

Das Theaterviertel Isezakichō von Yokohama

Das Theaterviertel Isezakichō von Yokohama
Auf der rechten Seite wirbt ein Theater mit seinen bunten Bannern für Theaterstücke und berühmte Schauspieler. Die gemalten Plakate (ekamban), die unter dem Dach angebracht sind, zeigen dramatische Szenen aus den Stücken. Die japanische Erzählform rakugo war ebenfalls ein wichtiger Teil des Unterhaltungsangebots an diesen Orten. Mehrere Rikschas, die von Trägern gezogen werden, sind ebenfalls zu sehen.

nach 1870, handkolorierter Silbergelatineabzug
11,9 x 29 cm, Fotograf unbekannt
Inv. XHF/IV/0406

Inszenierungen des Alltäglichen

Einige der eindrucksvollsten Fotografien der Sammlung zeigen Menschen aus der japanischen Bevölkerung. Manche Fotografien sind offensichtlich inszeniert und auf westliche Erwartungshaltungen zugeschnitten. Andere Bilder fangen jedoch authentische, spontane Reaktionen ein und gewähren Einblicke in die Persönlichkeiten der Porträtierten. Es fällt auf, dass viele Fotografien Frauen in den Fokus rücken, was wohl den Vorlieben der überwiegend männlichen Käufer geschuldet ist. Diese Fotografien führten zur Festigung von Vorstellungen japanischer Frauen. 

Auch andere Kunstformen inspirierten die Fotografen: Einige Fotografien zeigen Ähnlichkeiten zu den Bildern von Holzschnittkünstlern wie Kitagawa Utamaro (1753–1806). Er war ein Meister der mehrere Jahrhunderte zurückreichenden Darstellungstradition der ‚schönen Frauen‘ (bijinga). Auf anderen Fotografien sind Spuren der Modernisierung zu sehen, die in Japan in vollem Gange war, beispielsweise Telegrafenmasten.

Eine Partie go

Eine Partie go
In dieser sorgsam inszenierten Studioszene spielen ein älterer Mann und eine junge Frau go. Ein Mädchen mit einem Fächer schaut ihnen dabei zu. Neben dem Spielbrett sind Essen und Trinken zu sehen. In der tokonoma-Nische hinter den Spielenden hängt ein Gemälde.

1860 - 1890, Albuminabzug auf Karton
21,6 x 26,6 cm, Fotograf unbekannt
Inv. XHF/IV/0633

Landschaften

Viele Reisende, die Holzschnitte von Utagawa Hiroshige (1797-1858) und Katsushika Hokusai (1760-1849) kannten oder sogar sammelten, kamen mit der Erwartung nach Japan, dort entsprechende Landschaften tatsächlich vorzufinden. Allerdings war diese Erwartungshaltung in Bezug auf ein Land, das sich rasant modernisierte, etwas unrealistisch. Die Fotografen und Kolorist_innen ihrerseits bemühten sich, mit ihren Kompositionen dem Wunsch nach stimmungsvollen Landschaften nachzukommen. Folglich lassen sich zwischen Fotografien und Holzschnitten mit ähnlichen Motiven zahlreiche Ähnlichkeiten feststellen. Zu den bevorzugten Bildgegenständen gehörten berühmte Ansichten wie die des Berges Fuji oder andere populäre Orte. Die Absicht war wohl, bei den Käufer_innen Erinnerungen heraufzubeschwören – an etwas, das sie entweder auf Drucken, in der Wirklichkeit oder auch nur in ihrer Fantasie gesehen hatten.

Der Strand von Shichirigahama nahe der Insel Enoshima

Der Strand von Shichirigahama nahe der Insel Enoshima
Dieser berühmte Strand wurde oft auf japanischen Gemälden und Holzschnitten dargestellt. Er befindet sich nahe der Insel Enoshima, links im Bild, und des Bergs Fuji in der Mitte im Hintergrund. Der Strand heißt Shichirigahama und ist bis heute ein beliebtes Ziel. Das war schon so zur Entstehungszeit des Fotos, da er, unweit von Kamakura gelegen, von Yokohama aus in kurzer Zeit zu erreichen war.

1860 - 1890, handkolorierter Silbergelatineabzug
21,5 x 26,5 cm, Fotograf unbekannt
Inv. XHF/IV/0293

Das Leporello eines deutschen Admirals

Ein Leporello mit 100 Fotografien unterschiedlicher Urheber: Das Album ist in Seide gebunden, dekoriert mit  Schriftzeichen, die Glück und ein langes Leben verheißen. Es wird in einem passenden Kästchen aus kiri (Paulownienholz) aufbewahrt, auf dessen Deckel ein_e westliche_r Amateurkünstler_in, vielleicht der Vorbesitzer selbst, eine Landschaft gezeichnet hat. Das Album gehörte Admiral Victor Schönfelder (1856–1931), der um die Welt reiste und später seinen Ruhestand in Freiburg verbrachte. Möglicherweise hat er die Fotografien, darunter auch von Uchida Kuichi (1844–1912) aufgenommene Bilder des Meiji-Kaisers und seiner Gemahlin, selbst zusammengestellt. Bemerkenswert ist, dass die Beschriftungen, die von unterschiedlichen Autor_innen stammen und Informationen in deutscher und japanischer Sprache enthalten, sich teils widersprechen. Nach dem Tod des Admirals schenkte seine Witwe das Album dem Museum.

Das Leporello-Album in einer Vitrine in der Ausstellung

Ausstellungskatalog

Katalogcover

Erinnerungen schaffen = Creating memories: Japanese Photographs. Begleitbuch zur Ausstellung. Hrsg. von Lisa Bauer-Zhao. Dresden: Sandstein-Verlag 2023.

Der Katalog zur Ausstellung ist im Museumsshop erhältlich.