Alexandre Clément

La Tulipe fällt aus Schmerz über seine zerbrochene Pfeife in Ohnmacht (Gesang IV), 1796

Über das Objekt

Die Szene einer aufgemischten Hochzeitsgesellschaft illustriert das Gedicht „La Pipe cassée“ (Die zerbrochene Pfeife) von Vadé. In vier Gesängen werden anekdotenhafte Vorkommnisse aus dem Leben der Pariser Hafenarbeiter und ihrer Frauen geschildert, teils in der Sprache der Pariser Unterschicht. Der aufwendige Farbdruck unterstreicht den volkstümlichen Genrecharakter.
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Die farbige Radierung illustriert das seinerzeit berühmte Gedicht „Die zerbrochene Pfeife“ (um 1750) von Jean-Joseph Vadé (1719-1757), der neben Versen vor allem Libretti für komische Opern schrieb. Er begründete damit das Genre „poissard“ (frecher, pöbelhafter Stil), das in den Passagen in direkter Rede die Sprache der Pariser Unterschicht aufnahm, wie sie auf dem Markt bzw. im Quartier des Halles, dem „Bauch von Paris“, gesprochen wurde. Als Gegenstück zur preziösen, kultivierten Konversation des gehobenen Bürgertums diente diese unverblümte, direkte Redeweise vordergründig der Belustigung. Doch spiegelt ihre literarische Verwendung symptomatisch auch die wachsende Bedeutung und das Selbstbewusstsein einer unterdrückten gesellschaftlichen Klasse wider, die später im Naturalismus eines Émile Zola ernsthaft zum Thema werden sollte. Das Gedicht trägt den augenzwinkernden Untertitel “poëme épi-tragi-poissardi-héroï-comique“. In vier Gesängen werden anekdotenhafte Vorkommnisse aus dem Leben der Pariser Hafenarbeiter La Tulipe, Jean-Louis und Jérôme sowie ihrer Frauen Françoise, Nicole und Margot geschildert. Vier davon hat Monsiau mit Feder und Aquarell in lebendig-turbulente Genreszenen übersetzt, welche Clément anschließend in Punktiermanier radiert hat. Der heitere Gesamteindruck verdankt sich einem aufwendigen Farbdruckverfahren, bei dem ein und dieselbe Platte für jeden Abzug »à la poupée« mit verschiedenen Tönen eingefärbt wurde. Die drei Paare treten in dreien der vier Darstellungen als Sextett, die Frauen einmal als Trio auf, wobei sich jedoch wider Erwarten keine durchgehende farbliche Zuordnung der Personen ergibt. Anders als Charles Eisen, der die Erstauflage um 1750 mit vier schwingend bewegten, friesartigen Szenen in einer burlesken Spielart des Rokoko illustrierte, sucht Monsiau, der ähnliche und teils sogar gleiche Bildmotive wählt, eine modernere, bewusst sperrige Bildsprache, die klassizistische Anklänge zeigt und den Historienmaler verrät. Die motivischen Anleihen bei der holländischen Genremalerei und bei dem Engländer William Hogarth (1697-1764) scheinen ebenfalls evident. Diese Illustration stellt die abschließende Szene dar (Gesang IV): sie zeigt eine aufgeschreckte Hochzeitsgesellschaft, unter die sich anfangs ungebetene Gäste gemischt hatten, was zu einer Schlägerei führte. Hauptperson der Szene ist La Tulipe, der von einem gegnerischen Schlag so getroffen wurde, dass seine geliebte Pfeife in hundert Stücke zerbrach. Sein Schmerz über diesen Verlust ist so groß, dass er das Bewusstsein verliert und ihn sein Gegner und dessen Kumpane für tot halten. Vom rechten Bildrand angeschnitten bzw. schon die Treppe heruntereilend, sind sie als flüchtende Gestalten erkennbar, die von dem Mann in blauem Rock mit erhobenem Stock verfolgt werden. Noch ganz benommen droht La Tulipe von seinem Stuhl zu rutschen und wird von Françoise und einer weiteren Frau gestützt. Einer der Freunde beugt sich zu ihm herunter und bietet dem Geschwächten ein Glas Wein zur Stärkung an, wohl das erste von insgesamt zehn! Zu La Tulipes Füßen liegt die für das Gedicht namensgebende zerbrochene Pfeife. Dem zeitgenössischen Betrachter im Jahre IV der neuen Zeitrechnung dürften bei dieser Gruppe Anklänge an eine Beweinung Christi aufgefallen sein, deren Bildformel hier auf ein triviales Thema übertragen erscheint. Die ohnehin aufgrund ihrer Nichtigkeit ins Lächerliche gezogene Klage über den Verlust der Pfeife erscheint durch die Persiflage eines christlichen Klagemotivs vollends grotesk und aberwitzig. Text: Dr. Felix Reuße

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