Johann Baptist Kirner

Die Kartenlegerin, 1846

Über das Objekt

Aus Armut und Perspektivlosigkeit zog es im 19. Jahrhundert viele Schwarzwälderinnen und Schwarzwälder nach Amerika. Kirner erzählt hier die Geschichte einer Wahrsagerin, die aus den Karten die Zukunft eines jungen Mannes herausliest, der mit Mutter und Schwester dorthin auswandern will.
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Johann Baptist Kirner stammte aus einer Handwerkerfamilie in Furtwangen und begann zunächst als Kutschenmaler zu arbeiten. Mithilfe eines Stipendiums vom badischen Hof konnte er jedoch an der Kunstakademie in München studieren. Seit einer gemeinsamen Zeit in Rom war Kirner mit Franz Xaver Winterhalter eng befreundet. Kirner gilt als einer der wichtigsten süddeutschen Genremaler des 19. Jahrhunderts. Kirner erzählt in diesem Gemälde die Geschichte einer Wahrsagerin, die aus den Karten die Zukunft eines jungen Mannes herausliest. Der Maler zeigt den Moment, in dem die Wahrsagerin ihm mit den Karten Überraschendes eröffnet. Als Reaktion kratzt sich der junge Mann am Kopf, er ist verwirrt und irritiert. Es ist überliefert, dass es sich um einen jungen Mann handelt, der mit seiner Mutter und seiner Schwester nach Amerika auswandern wollte – wie so viele Menschen im Schwarzwald, die sich in jener Zeit in die neue Welt aufmachten. Sowohl die Mutter als auch die Schwester sind verwitwet, was an ihrer schwarzen Trauerkleidung zu erkennen ist. Als einziger Mann in der Familie muss der junge Mann nun Verantwortung übernehmen. Mit bereits gepackten Taschen verfolgen die Mutter und die Schwester mit ihrem kleinen Kind gespannt die Weissagung. Die Kartenschlägerin sagt ihm jedoch in Amerika eine düstere Zukunft voraus und erklärt ihm, das wahre Glück würde er nur zu Hause finden. Dass die Wahrsagerin hier eigene Interessen verfolgt, wird auf der linken Bildhälfte deutlich: An einer Tür lauscht eine junge Frau, wahrscheinlich die Tochter der Kartenschlägerin. Sie erhofft sich, die Aufmerksamkeit des jungen Mannes zu gewinnen. In der Nische hinter der Lauscherin befinden sich religiöse Gegenstände wie ein Rosenkranz und ein Fatschenkind, eine puppenhafte Darstellung des Jesuskindes. In dieser genrehaften Darstellung erzählt Kirner eine Geschichte, mit der auch die Auswanderungswelle aus dem Schwarzwald dokumentiert wird. Armut und Perspektivlosigkeit brachte vor allem viele junge Menschen dazu, der Heimat den Rücken zu kehren und nach Amerika auszuwandern. TILMANN VON STOCKHAUSEN

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